Pynchon


Hettche in der FAZ also, Wenn Literatur sich im Netz verfängt, heute im Zug die Muße gefunden, den Riemen zu lesen, in untem verlinktem Goetz-bei-Schmidt-Video ist Hettche ganz zu Begin auch Thema. Und Goetz hat Recht ("Ja, Unsinn!"). Hettche betreibt hier die ganz große Feuilleton-Schreibe, erklärt scheinbar letztgültig, was Literatur ist, zumindest: was sie zu sein habe. In seinen Augen.

Wer von ihnen [den Schriftstellern] schreibt ein Blog? Eben: keiner. Ist es nicht seltsam, mit welcher Beharrlichkeit das ignoriert wird? Seit ich 1999 mit „NULL“ eine der ersten literarischen Anthologien im Netz publizierte, deren Texte sich die Redakteure der Feuilletons seinerzeit meist von ihren Sekretärinnen ausdrucken ließen, weil sie nicht online waren, sind zehn Jahre vergangen. Inzwischen hat die „Zeit“ einen Preis für Netzliteratur ausgelobt und aus Mangel an möglichen Preisträgern wieder eingestellt, hat die Germanistik das Thema entdeckt und Dissertationen und Habilitationen en gros verfasst, Tagungen und Lehrstühle aus- und eingerichtet, saßen unzählige „Netzautoren“ mit ihren „Hypertextprojekten“ auf Podien und in Talkshows. Aber keine Erzählung, kein Roman, kein Twitter-Vers ist entstanden, dessen literarische Halbwertszeit länger gewesen wäre als das Staunen über die medialen Möglichkeiten.
 

Reden wir nicht davon, dass Hettche sich hier nicht ganz unpeinlich nur leicht verklausuliert als Avantgardisten zeichnet und ganz abgesehen davon, dass ich nicht glaube, Halbwertzeit sei eine vernünftige Kategorie der Literaturkritik, denn dann würde sie, die Feuilleton-Literaturkritik, sich nicht an den Veröffentlichungszyklen der Verlage orientieren. Abgesehen also davon, dass hier Maßstäbe angelegt werden, die überhaupt nicht angezeigt sind: Was ist denn mit Goetz' Abfall, was mit seiner Klage, warum sprechen wir nicht über das gescheiterte, aber in seinem Scheitern auch ein großes Stück weiter bringende ampool, warum nicht über Praschl, die Vigilien und Alban Nikolai Herbst; was steckt denn in der ganzen Antville-Suppe und den ganzen kleinen Formen (im Sinne von Kafkas Kleiner Form und im Sinne der von Jan Peter Bremer), wenn nicht die Lust am Finden einer Form inmitten vieler Formen?

Die Genannten haben allesamt völlig verschiedene Herangehensweisen an das, was wir als Literatur verstehen könnten. Hyper- und Intertextualität aber spielen allein schon insofern immer eine Rolle, als dass das Schreiben bewußt im Kontext von anderen Texten geschieht, augenscheinlicher noch, als dies beim klassischen Roman der Fall ist. Manche bezeichnen sich als Schriftsteller, andere werden als solche bezeichnet, wieder andere wollen nur Blogger sein. Egal! Es ist alles völlig egal, denn das sind bloße Grabenkämpfe der Historisierungs- und Einordnungskaste, die mir erzählen will, was sie als unumstößliche Wahrheit empfindet. Aber wenn denn das die Wahrheit ist, warum schenken wir uns dann nicht die elenden Debatten? Zu welchem Ziel noch Literaturkritik, wenn sie längst die Fragen beantwortet hat, denen sie sich doch eigentlich im Auftrag des Lesers stellen soll? Überhaupt: Warum so viele Antworten? Wo ist die Lust am Fragen geblieben? Das Ökosystem Literatur/Kritik funktioniert nicht nach dem heidenreichischen Maßstab des Schau-voll-neu-und-toll-und-jetzt-kauf-du-Konsumentenvieh, Literatur und Kritik benötigen einander auch jenseits des Werbeaspektes, den die Kritik natürlich unbenommen auch hat. Aber wenn die Kritik so schnell Gewehr bei Fuße steht, dass sie keine Zeit mehr zum Atmen hat und Literarität allein aufgrund des Erscheinungsortes abzusprechen gedenkt, gräbt sie sich ihr eigenes Grab.

Und wenn wir mit Hettche also ernsthaft über die Form von Literatur sprechen wollen, warum dann nochmal auf die nun wirklich völlig egale Hegemann-Debatte eingehen? Weil es sich so leicht drauf eindreschen lässt? Weil man einer jungen, im Betrieb qua Vater gut vernetzten Frau so leicht unterstellen kann und dies mit einiger Chuzpe auch tut, ihr Werk sei nicht einmal literarisch gemeint, sie sei an

Literatur eigentlich gar nicht interessiert, umso mehr aber [an einer] Art Textproduktion als Lebensteilhabe?


Nun ist Lebensteilhabe sicherlich nicht der schlechteste Grund, zu schreiben, schaut man allein auf Karl Kraus – ach nee, keine Literatur sucht ja die Öffentlichkeit – nur bei Hettche, da hat sie mausetot zu sein, die Literatur. Dann kann sie nämlich ausgeweidet und auf den Grill geworfen werden, die Literatur, auf dass sie in mundgerechte Häppchen zerteilt dem Feuilleton zum Fraße vorgeworfen werden kann. Auf der Suche nach dem Über-Pynchon vergisst Hettche völlig, dass jede Form von Schriftstellerei auch immer ein Nach-Außen-gehen bedeutet – selbst im Fall von Pynchon, der ex negativo die Öffentlichkeit findet, die er vielleicht nicht sucht (oder auch doch, je nachdem, wie clever seine Marketingstrategie ist) und so im besten Pop-Sinne bei den Simpsons auftaucht. Aber Autoren, die die Öffentlichkeit offen suchen – und zwar nicht allein im Sinne eines Marketing-one-trick-pony und nicht allein innerhalb der Literaturbetriebsinstitutionen –, sondern um eben erst die Bedingung ihres Schreibens auszumachen, diese Autoren produzieren nach Hettche keine Literatur, sondern bestenfalls Lebensteilhabe (und ich meine hier nicht Hegemann, die ist mir wirklich egal).

Warum zum Teufel wird dann nicht wirklich mal über Airen gesprochen, dessen Blog kaum, und erst recht nicht vom Feuilleton, beachtet wurde, bevor Hegemann sich ihre Rosinen rauspickte und das ganze via Ullstein zwischen zwei Buchdeckel pressen ließ? Denn war Airens Blog denn das nicht: Literatur? Und überhaupt: Hegemanns Plagiat hat nichts, aber auch gar nichts mit einer zur Zeit so gerne proklamierten Generation copy & paste (wird auch gerne als Zeitalter des copy & paste bezeichnet) zu tun. Hegemann hat wenig kreativ einfach ein Blog aufgerufen und die Inhalte kopiert, sie hat dafür nicht den BitTorrent-Client aufgerufen, sie ist dazu nicht über Rapidshare gegangen. Vor fünfzehn Jahren hätte sie ein Buch aufgeschlagen und daraus abgeschrieben. Das alles sagt nichts über das Internet aus, aber vielleicht immerhin etwas über die Autorin. Das Plagiat ist vermutlich so alt wie die Kunst selbst, John Cage (4:33, Original) und Michael Batt (One Minute Silence, Plagiat) können davon ein Lied singen, ebenso wie Bach und Mozart. Das Internet ändert nichts an dieser Praxis und was die Mittel anbelangt: Es ist mir wurscht, ob mittels Bleistift oder Tastatur plagiiert wird.

Und als sei der ganze Wust nicht schon genug, wird dann auch ein kräftiger Schuß Urheberrechtsdebatte in Form des peinlichen Heidelberger Appells eingerührt und ohne die gute alte, revisionistische Kulturkritik kommt er auch nicht aus:

Wenn man als Schriftsteller eingeladen wird und durch dieses Land fährt, erlebt man zwar den ganzen Reichtum der literarischen Institutionen noch, die damals entstanden, aber immer stärker spürt man auch, wie sehr diese Institutionen dabei sind, von innen heraus zu verschwinden.


Ich weiß nicht, durch welches Land Hettche fährt, in meinem sieht das Ganze etwas anders aus. Da gibt es eine unüberschaubare Zahl von Lesebühnen, jungen Literatuzeitschriften, ein wiedererwecktes Interesse an junger Lyrik, und, jaha, auch dies, Bloglesungen. Interessanterweise findest das jenseits der Institutionen statt, richtig. Denn in Deutschland, dem Land des sauber getrennten U und E, ist Förderung oft dort fern, wo die Arriviertheit noch nicht angekommen ist. Kein Wunder, dass Hettche nicht so weit sieht.

Bis Goetzens Klage dann bei Suhrkamp zwischen zwei Pappen eingedeckelt wird, öffentlich und auf Dauer. Und dann stehen sie wieder da, die Damen und Herren Kritiker, und fragen sich: Ist das jetzt Literatur? Und man steht so geistig daneben und denkt: Ja, dann grübelt mal schön. – Andrea Diener